Vipassana

Aus Interesse und um meinen Aufenthalt in Indien im August 2014 etwas abwechslungsreicher zu gestalten, beschloss ich – gemeinsam mit meinem damaligen Partner – einen 10-tägigen Meditationskurs in Jodhpur, Rajasthan zu machen. Dabei handelte es sich um eine buddhistische Meditationslehre, die sich Vipassana nennt und aus Myanmar nach Indien zurück gebracht wurde. Diverse Meditationscenter lassen sich auf der ganzen Welt finden. Angeboten werden 10- und 23-tägige Kurse, wobei für Letzteres ein 10-tägiger Kurs bereits absolviert worden sein muss.

Das Centre finanziert sich komplett durch freie Spenden und ist auf die Mitarbeit von Volontären angewiesen. Mahlzeiten und Unterkunft waren inkludiert und am Ende konnte jeder Teilnehmer selbst entscheiden, wie viel ihm der Kurs Wert war.


Tagesablauf

Der tägliche Tagesablauf sah dabei wie folgt aus (Quelle: Vipassana Österreich):

4:00              – Gong – Aufstehen
4:30-6:30     – Meditation in der Halle oder im eigenen Zimmer
6:30-8:00     – Frühstückspause
8:00-9:00     – Gruppenmeditation in der Halle
9:00-11:00   – Meditation in der Halle oder im eigenen Zimmer entsprechend den Anweisungen des Lehrers
11:00-12:00 – Mittagessen
12:00-13:00 – Ruhepause und Gelegenheit zum Interview mit dem Lehrer
13:00-14:30 – Meditation in der Halle oder im eigenen Zimmer
14:30-15:30 – Gruppenmeditation in der Halle
15:30-17:00 – Meditation in der Halle oder im eigenen Zimmer entsprechend den Anweisungen des Lehrers
17:00-18:00 – Teepause
18:00-19:00 – Gruppenmeditation in der Halle
19:00-20:30 – Vortrag des Lehrers in der Halle
20:30-21:00 – Gruppenmeditation in der Halle
21:00-21:30 – Zeit für Fragen in der Halle
21:30            – Nachtruhe – Licht aus


Regeln & Kodex

Zusätzlich gab es folgende Regeln einzuhalten:

  • Während der gesamten Zeit darf weder gesprochen oder sonstige Kommunikation jeglicher Art stattfinden.
  • Männer und Frauen sind während der gesamten Zeit getrennt – das gilt auch für Paare, Familienmitglieder etc.
  • Physischer Kontakt ist -unabhängig des Geschlechts – verboten.
  • Physische Aktivitäten wie Sport oder Yoga sind verboten.
  • Der Konsum von Zigaretten, Alkohol und sonstigen Drogen ist verboten.
  • Sämtliche Mahlzeiten sind vegetarisch. Fasten ist nicht erlaubt!
  • Folgende Aktivitäten sind verboten: Musik hören, lesen, schreiben. Sämtliche elektronische Geräte sind ebenfalls vor Kursbeginn abzugeben.

Kursteilnehmer mussten außerdem einen strikten Code befolgen und somit folgenden Dingen entsagen:

  • dem Töten jeglichen Lebewesens
  • stehlen
  • sämtlichen sexuellen Aktivitäten
  • dem Erzählen von Lügen
  • dem Einnehmen von Rauschmitteln

Abgesehen davon hatte ich absolut keine Ahnung, was ich erwarten sollte bzw. in jener Zeit auf mich zukommen würde.  Ich möchte an dieser Stelle jedoch meine konkreten Erlebnisse schildern.

~*~*~*~

Tagebuch

Es sei gesagt, dass alle der folgenden Erfahrungen und Beobachtungen – sowie das abschließende Fazit – komplett subjektiv und zeitgebunden sind und mittlerweile auch verjährt sein mögen!


Tag 0

Frühmorgens nahmen wir einen – komplett überfüllten – Bus von Pushkar nach Jodhpur. Dort angekommen trieb uns der Hunger – sowie der Umstand, dass es nirgendwo die Möglichkeit gab etwas zu kaufen – etwas verfrüht zum Dhamma Marudhara: dem Meditationscenter und unser zuhause für die nächsten 10 Tage. Wider Erwarten handelte es sich dabei um eine gute Entscheidung, denn dort wartete schon ein tolles, vegetarisches Mittagessen auf uns.

Nach der Anmeldung wurde jeder Teilnehmer seinen Zimmern zugewiesen; dabei handelte es sich um Einzelzimmer inkl. Bad, die sich in getrennten Bereichen für Frauen und Männer befanden. Die Landschaft war trocken und steinig und erinnerte mich sehr an Texas; an den Temperaturen bemerkte man die Nähe der Wüste.

Abgesehen von meinem Partner und mir, waren drei Deutsche in unserem Alter anwesend, die restlichen Teilnehmer waren ausschließlich Inder. Bevor wir das Programm starteten, mussten wir unsere Wertgegenstände abgeben; danach folgte ein letztes gesprächiges Abendessen. Wir fingen mit der Erklärung der Regeln an, bevor wir anschließend getrennt in die Meditationshalle gingen, wo uns der Guru vorgestellt und eine Einführung in die Meditation gegeben wurde. Ohne unseres Wissens, hatte für uns das Gebot des Schweigens angefangen.


Tage 1-3

Um 4:15 wurde ich von der Morgenglocke geweckt. Da ich keinen Wecker besaß, fiel es mir schwer die ersten beiden Nächte zu schlafen, aus Paranoia, ich würde nicht rechtzeitig aufwachen. Die Morgen-Meditation von 4:30-6:30 war katastrophal; aufgrund des Schlafmangels war mir übel und an frühstücken war nicht zu denken. Nach dem Bad legte ich mich erneut hin, um 8:00 wurden wir jedoch wieder zur Meditationshalle geläutet.

Am 1. Tag war das einzige Ziel der Meditation seine eigene Atmung zu beobachten und seine Konzentration nur auf diese zu richten. Anfangs war es gestattet, unsere Positionen während der Meditation zu ändern, was das Ganze etwas vereinfachte. Die ersten 3 Tage änderte sich nicht viel, unsere Beobachtungen begrenzten sich auf die Atmung im Nasenbereich, jener Bereich wurde dabei jedoch immer kleiner.

Abends fand stets ein Videodiskurs statt, bei dem wir Theorie und Background Wissen zur Vipassana Meditation erhielten. Diese hielt ich anfangs für sehr amüsant und interessant, später nervten sie mich jedoch nur noch, da ich dem Inhalt nicht zustimmen konnte. Die Art der Übermittlung jener Botschaften hatte für mich etwas Sektenartiges.

Am 2. Tag wurde ich komplett von dem Umstand überrumpelt, dass zwei der Deutschen das Center verlassen hatten. Der Dritte im Bunde, Finn sein Name, erfuhr dies auf dieselbe Art wie jeder: die beiden waren plötzlich verschwunden. Obwohl sein Interesse, im Gegensatz zu seinen Freunden, anfangs nicht sonderlich groß war, beschloss er den Kurs allein durch zu ziehen.

Das Essen in dem Center war unglaublich lecker (besonders das süße Bulgur morgens und nachmittags hatte es mir angetan), es gab immer gut füllende Portionen und auch am Nachmittag bekamen wir nicht nur Obst, wie wir ursprünglich im Internet gelesen hatten. Ich gewöhnte mich außerdem sehr schnell an den Tagesablauf und auch das frühe Aufstehen war bald kein Problem mehr.


Tage 4-9

Am 4. Tag starteten wir mit der eigentlichen Vipassana Meditation – das bedeutete für uns 3 mal täglich 1 Stunde lang mit gekreuzten Beinen im Raum zu sitzen und die Position nicht zu wechseln (zusätzlich zu den restlichen 7 Stunden Meditation). Folglich waren der 4. und 5. Tag mit extremen Schmerzen verbunden, der Meditationstechnik zufolge, durfte man aber auf diese eigentlich nicht reagieren…

Am 6. Tag fing ich ernsthaft an, mich mit der Meditation und der kompletten Philosophie des Dhamma zu befassen. Das führte dazu, dass ich die nächsten 4 Tage komplette Stimmungsschwankungen und emotionale Ausbrüche jeder Art hatte (vielen Dank für den hormonellen Vorgeschmack einer Schwangerschaft, Vipassana).

Es stellte sich jedoch – zu dem Zeitpunkt – schnell heraus, dass ich zwar mit der Grundphilosophie etwas anfangen und arbeiten, der Technik aber nicht wirklich etwas abgewinnen kann. Die abendlichen Diskurse nervten mich jeden Tag mehr und mehr und die Tatsache, mich in keinster Weise kreativ ausleben zu können, fraß mich innerlich auf. Die fehlende Kommunikation war während der gesamten Zeit mein geringstes Problem!

Am 8. Abend gab mein Ventilator den Geist auf, weswegen ich das Zimmer wechseln musste. Für ein paar kurze Momente konnte ich mich unterhalten, was letztendlich eher für Unbehagen als Freude sorgte…


Tag 10

Um 10:00 endete das Sprechverbot! Alle wirkten peinlich berührt und wussten anfangs nicht was sie sagen sollten… nach einiger Zeit kehrte allerdings Ruhe ein und wir fingen an, über unsere Erfahrungen zu sprechen. Nur berühren durften wir uns nicht.

An unserem letzten Tag im Center, wurde eine weitere Meditationstechnik gelehrt, ansonsten fanden nur noch die Gruppenmeditationen statt. Der gesamte Tag bestand dementsprechend aus vielen Konversationen, dem Kennenlernen der anderen Kursteilnehmer, sowie Erinnerungsfotos zu machen. Nachmittags kletterten wir gemeinsam auf die Felsen hinter dem Campus und genossen die Aussicht.

Anschließend zum letzten abendlichen Diskurs, setzte ich mich zu den beiden gleichaltrigen Mädchen Saman und Abhi, um mich mit ihnen über das Leben in Indien (vor allem als junge Frau), Religion und Philosophie zu unterhalten.


Tag 11

Da wir bis spät in die Nacht aufgeblieben waren, wachten wir um 4:15 müde und verschlafen auf… Unser Tag begann mit einem abschließenden Videodiskurs, gefolgt von einer letzten Meditation und einem allerletzten Frühstücks-Bulgur!

Danach machten wir uns fertig und gingen gemeinsam zur nächsten Busstation, um in die Stadt zu fahren. Während der Busfahrt unterhielten wir uns noch ausgiebig, vor allem zu Saman und Abhi hatte ich eine große Sympathie entwickelt – der Abschied fiel in gewisser Hinsicht schwer.

~*~*~*~

Vipassana

Am Ende angelangt, möchte ich nun noch ein paar Worte über die eigentliche Meditationstechnik und die Philosophie des Dhamma verlieren.

Die Hauptphilosophie besagt:

  • alles im Leben ist vergänglich, egal ob positiv oder negativ
  • das Leben findet Hier und Jetzt statt, nicht in der Zukunft und auch nicht in der Vergangenheit
  • man sollte nichts als sein Eigen oder seinen Besitz sehen, denn das führt zu starken Bindungsgefühlen, was wiederum zu Verlangen führt
  • das ständige Verlangen nach Dingen und das damit verbundene Glücksgefühl, führt zu Sucht nach Verlangen. Das ist auch der Grund, weshalb wir uns vom Verlangen lösen müssen

Vipassana beschäftigt sich mit folgenden Dingen:

  • sämtliche psychischen Blockaden mithilfe von Meditation zu beseitigen und für die Zukunft keine Neuen aufzubauen
  • den Körper von jeglichem Verlangen zu reinigen
  • auf äußere Reize nicht mit negativen Gefühlen zu reagieren, sondern diesen stattdessen mit Nächstenliebe und Mitgefühl zu entgegnen
  • das Unterbewusstsein durch Meditation so zu trainieren, dass man über diese Dinge nicht mehr bewusst nachdenken muss

Fazit

Dieser 10-tägige Kurs war sehr intensiv, anstrengend und hat viel emotionale Kraft erfordert. Es gab immer wieder Momente, in denen ich einfach davon rennen wollte. Im Endeffekt – ein Umstand, der in jedermanns Augen zu sehen war – war es jedoch ein stolzer Moment, die physischen und psychischen „Qualen“ überstanden und letztendlich durchgehalten zu haben!

Es gibt viele Punkte der Philosophie, denen ich zustimme und für die Zukunft beibehalten möchte. Ich glaube aber auch, dass Vipassana etwas veraltet und die Technik fast ausschließlich für stark spirituelle und/oder gläubige Menschen ausgelegt ist.

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6 Einträge zu „Vipassana

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