A echter Wiener

Zum achten Mal in Folge wurde Wien dieses Jahr laut Mercer Studie zur lebenswertesten Stadt der Welt erklärt.

Bewertet wurden das politische, soziale und ökonomische Klima, medizinische Versorgung, Ausbildungsmöglichkeiten, infrastrukturelle Voraussetzungen wie das öffentliche Verkehrsnetz, Strom- und Wasserversorgung.

Weiters wurden Freizeitangebote wie Restaurants, Theater, Kinos, Sportmöglichkeiten, die Verfügbarkeit von Konsumgütern vom Nahrungsmittel bis zum Auto sowie Umweltbedingungen von der Grünanlage bis zur Luftverschmutzung verglichen.

Als junge Wienerin, die hier geboren und aufgewachsen ist, möchte ich einige dieser Kriterien aus lokaler – etwas kritischer – Sicht darstellen.


Politisches Klima

Zur österreichischen Politik möchte ich mich nicht im Detail äußern, das würde zu tief gehen. Allerdings gibt es wohl einen Grund für die Bezeichnung Bananenrebuplik Österreich. Bundespräsident und Bürgermeister, die fürs saufen bekannt sind, Wahlkämpfe die mit Argumenten wie “Seid ihr euch echt sicher, dass ihr DEN als Bürgermeister haben wollt?“ und eine rechte Partei, die in den letzten Jahren immer stärker geworden ist. Dass das gute politische Klima nur vom typisch österreichischen Charakter, niemanden auf die Füße treten zu wollen bestimmt wird, macht das Ganze nicht wirklich besser.


Soziales Klima

Erstmal würde es mich äußerst interessieren, was unter sozialem Klima gemeint ist. Regelmäßig mit Sätzen wie “Heast, g’schissener, was soll der scheiß oida!“ (oder ähnlichem) konfrontiert zu werden, würde ich nicht als besonders positiv erachten.

Dass ÖsterreicherInnen für ihre Freundlichkeit  bekannt sind ist ein Faktum, dass sich im ganzen Land nachweisen lässt… wenn man sich nicht gerade in der Hauptstadt befindet. (Dazu gibt es eine tolle Passage in diesem Artikel.) Beim Ansprechen eines Wieners erhält man allerdings einen tollen Anblick eines absolut verdutzten Menschen, der gerade aus seiner sicheren, anonymen Stadtblase in die Realität gerissen wurde und sich nur wünscht, schnellst möglich wieder zurückzukehren.

Sozial vorzeigend könnte man am ehesten die gehobene Klasse des Wiener Milieus bezeichnen. Mit Sacher, Elmayer und eigentlich jedem Hotel und öffentlichen Gebäude der Wiener Ringstraße, schreit die Stadt nach Etikett, Professionalität und Qualität. Kein Wunder also, dass Wien international als Kongressstadt Nummer 1 gilt. Wer jedoch mal die Gelegenheit erhält, hinter die Kulisse dieser Branchen zu schauen, wird schnell sein wahres Gesicht erleben. (Was selbstverständlich nicht nur in Wien der Fall ist!)


Infrastruktur

Seit einiger Zeit ist es möglich, eine Jahreskarte für die Zone Wien um umgerechnet € 1,- pro Tag zu erwerben. Inkludiert sind hier U-Bahnen, Straßenbahnen – oder österreichisch “Bim“ -, (Nacht-)Busse und das nächtliche Astax (Abholservice-Taxi), dass außerhalb von U-Bahnen und Buslinien fährt. Zusätzlich wird Car2Go und das CityBike groß beworben; in der Regel ist es auch fast überall möglich mit dem Rad hinzukommen.

Aufgrund dieses wirklich unglaublichen Angebot an öffentlicher Infrastruktur, ist es mir immer noch ein Rätsel, warum manche Wiener meinen, ein Auto besitzen zu müssen, um dann erst recht den Gürtel und die Tangente zu verstopfen…


Ausbildungsmöglichkeiten

Hah, mein Lieblingsthema! Alleine der Umstand, dass ich selbst keine Übersicht über die Anzahl der Ausbildungsmöglichkeiten habe, sollte verdeutlichen, wie ausgiebig dieser Sektor ausgebaut ist. Bloß die Universität Wien bietet schon 226 Studiengänge, davon 83 Bachelor an. Meine Frage die sich hier stellt: wie soll sich ein 18- oder 19-jähriger Teenager bei dieser Vielfalt an Optionen entscheiden? Zumal es hier nur um eine einzige von vielen Universitäten in Wien geht!!

Und wie kommt überhaupt solch immenses Angebot zustande? Genauer betrachtet, lässt sich ein Großteil der Studiengänge auf der Universität Wien in den Bereich der Geisteswissenschaften einordnen. Selbstverständlich handelt es sich hierbei um viele interessante Forschungsthematiken… aber was sind die realistischen Zukunftschancen mit solch einem Studium (sagte die Philosophin)? Oder ist es überhaupt nur notwendig einen Titel zu erwerben, um anschließend einen Branchen-fernen Job ausüben zu können?

Aha, jetzt kommen wir dem eigentlichen Problem schon näher! Denn dafür ist das liebe Österreich – oder vielleicht wirklich nur Wien? – bekannt: der sogenannte Titelwahn! Hauptsache man hat vorm Namen einen Doktor stehen, egal welch erbärmliches Leben, anstößigen Charakter oder beruflichen Werdegang man besitzt – die Titulierung hat stets Vorrang. Und danach wird Mensch natürlich in Wien auch bewertet! Wer also kein erfolgreiches Studium abgelegt hat, der kann laut Wiener Fachjargon einfach scheißen gehen.


Freizeitangebot

Als sehr Kultur-affiner Mensch, war mir ein gutes Freizeitangebot schon immer wichtig. Besonders als ich ein Jahr lang als Theaterproduzentin, Regieassistentin und Veranstaltungstechnikerin arbeitete, wurde mir allerdings erst wirklich bewusst, welch Übermaß an Angebot in Wien existiert.

Auch wenn sich die Frage stellt, ob jene Menge tatsächlich notwendig ist, hat der Abnehmer doch freie Auswahl, um jeden Abend etwas anderes zu unternehmen: von Theateraufführungen, zu Konzerten, Museen, Flohmärkten, Sportmöglichkeiten, unzähligen Lokalen und vielen, vielen unterschiedlichen Veranstaltungen ist hier alles zu finden. Ich denke auch als Nebentätigkeit mag die Kulturbranche etwas feines sein. Aufgrund des Angebot halte ich es jedoch für sehr schwierig, sich hauptberuflich davon zu erhalten.


Umweltbedingungen

Ich  hatte das unglaubliche Glück, trotz Stadt im Grünen aufzuwachsen. Natürlich ist es an Randbezirken von Städten immer einfacher, trotzdem kann Wien mit unglaublichen 45 Naherholungsgebieten protzen! Selbst auf der im Zentrum liegenden Ringstraße, finden sich hier und da größere Parkanlagen. Tatsächlich gibt es zu diesem Thema kein ironisches Kommentar, dass ich ablassen könnte. Mit einem grünen Bundespräsidenten wird Wien hoffentlich noch grüner.

Details zur Mercer Studie kannst du hier finden.

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Wien ist anders

Ich möchte Wien nicht nur schlecht darstellen, es soll nur darauf hingewiesen werden, dass selbst die scheinbar lebenswerteste Stadt der Welt, mit Großstadtproblemen konfrontiert wird. Ja, Wien ist toll – das Angebot als Bürger ist unglaublich und in mancher Hinsicht auch komplett übertrieben. Ob es daher überhaupt in diesem Ausmaß notwendig ist, ist für mich fraglich.

Ich persönlich komme mit der Mentalität der Wiener, bzw. vielleicht auch generellen Stadtmenschen nicht klar. Alles ist ein Wettbewerb, jeder muss Hochleistungen zeigen und in das System passen, sonst wird man gleich als minder abgestempelt.

Um diesen Eintrag trotzdem positiv zu beenden, gibt es gibt es hier noch eine ur leiwande Übersicht zum typischen Wien 😉

Somit ein herzliches Pfiat di und Seas, Hawara!

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