Zeit zum Aufbruch

Bevor ich meine erste Weltreise antrat, stolperte ich über das Buch ‚Banana-Pancake-Trail – unterwegs auf dem vollsten Trampelpfad der Welt‘. Eine unterhaltsame Lektüre von Philipp Mattheis, die vor allem Fernweh und Reisefieber steigert.

Am meisten berührte mich allerdings das letzte Kapitel ‚Wieder daheim‘.

[…] Die Menschen, manche zielstrebig, manche hektisch, greifen nach ihren Koffern auf dem Fließband und hasten Richtung Ausgang. Du sprichst einen von ihnen an, fragst ihn, woher er gerade kommt, und erzählst, dass du ein Jahr lang auf Reisen warst. Er nickt, brummt etwas, das nach «keine Zeit» klingt, nimmt seinen Koffer und verschwindet. Niemand blickt den anderen an, es leuchtet kein Lächeln, es fällt kein freundliches Wort.

[…]

Auf der Straße sprichst du ein fremdes Mädchen an, doch plötzlich fällt dir auf, dass der gewohnte Dreiklang «Where are you from? How long are you travelling for? Where do you go next?» nicht mehr funktioniert. Sie schüttelt den Kopf und geht weiter. In diesem Land ist das Ansprechen fremder Leute entweder auf ein akutes sexuelles Interesse zurückzuführen oder aber ein Zeichen chronischer Einsamkeit. Und wer keine Freunde hat, muss irgendwie sonderbar sein.

[…]

Es dauert Monate, manchmal Jahre, aber nach und nach kriegt dich diese Welt wieder. […] Es läuft, du findest dich wieder ein, es funktioniert. Jahre später rauchst du draußen vor einer Bar eine Zigarette. Ein Fremder spricht dich an, erzählt dir, dass er gerade aus Australien zurückgekehrt ist. Ein Jahr nur Surfen und Sonne, sagt er, und hier sei ja alles anders. Du nickst und fragst dich, warum dir der Typ das unbedingt erzählen muss. Ist er schwul, hat er keine Freunde, mit denen er reden kann? Was stimmt bloß nicht mit ihm?

Viel zu gut kenne ich dieses Gefühl; und es braucht nicht mal Jahre, um wieder in den alten Trott zu fallen! Dabei geht es weniger um den Alltag per se – denn den hatte ich auch wenn ich im Ausland gearbeitet habe -, als um gesellschaftlichen Druck und Erwartungen, ein bestimmtes, vorgefertigtes Leben zu führen.

Vor etwa 1,5 Jahren, als ich aus Südamerika nach Wien kam, erschien mir jeder Weg offen zu stehen. Nichts war unmöglich oder konnte mich gar zurückhalten. Jetzt wo ich, nach ewig langer Zeit wie mir scheint, wieder an einen Ort gebunden bin, nagen alte Zweifel an mir. Nicht unbedingt, weil andere Menschen mir einreden würden, ein optionales Leben wäre nicht möglich – spätestens mit der Einschulung müssten wir uns ja, laut diesen, ohnehin niederlassen. Es ist wohl eher die gesamte Atmosphäre des ‚bequemen Lebensstils‘, die mich immer mehr vergessen lässt, dass es eine Alternative zu diesem Leben gibt. Ein Leben, das mir einfach nicht zuspricht.

(Selbstverständlich ist es ein Unterschied alleine, in einer Beziehung oder gar mit Kind/ern als Nomade umher zu reisen. Unmöglich ist es aber definitiv nicht.)

Als ich also im Juli am Dachstein – mit meinem Mann neben mir, unsere Tochter auf dem Rücken tragend – durch die Berge schlenderte und die wunderschöne Landschaft und Ruhe in mich einsog, packte mich erneut das Gefühl der absoluten Freiheit!

Ein Jahr lang müssen wir uns bedauerlicherweise noch gedulden bis wir endlich wieder unseren gewünschten Lebensstil führen können. Auch wenn ich es kaum mehr erwarten kann, möchte ich nicht ausschließlich in dieser Sehnsucht leben. Diesen Fehler habe ich bereits vor meiner ersten Weltreise begangen. Stattdessen möchte ich die Zeit hier in Wien als mentales Training und Vorbereitung für den nächsten Lebensabschnitt nutzen.

Allerdings wird mir mit jedem Tag mehr bewusst: es wird Zeit wieder aufzubrechen.

22 Einträge zu „Zeit zum Aufbruch

  • Das war jetzt absolut MEIN Wort zum Sonntag! Ja!!! Es wird wieder Zeit aufzubrechen ….für mich auch …ich arbeite noch dran …aber hoffentlich ist es nächstes Jahr so weit. Das Buch werde ich mal lesen. Liebe Grüße Claudia

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  • Sehr schöner Bericht, toll, dass es dich immer wieder in die Ferne zieht und dass du immer neue Träume und Reiseziele vor Augen hast, es ist m.e. Offenheit, Neugier und Mut, viele Menschen sind ja Gewohnheitstiere und fahren immer nur an einen Ort in Urlaub… Liebe Grüße Bettina

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  • Toller Artikel! Ich finde es auch ganz wichtig, dass man sich mental darauf vorbereiten kann. Das erleichtert dann auch die Wartezeit. Wir waren letztes Jahr mit dem Rad zwei Monate von München nach Spanien unterwegs und sogar nach dieser kurzen Zeit hat es sich total ungewohnt angefühlt, wieder in Deutschland zu sein.
    Ich denke, wenn man mal länger auf Reisen war, verändert das etwas in einem, das man auch nicht mehr rückgängig machen kann. Wie eine Weiterentwicklung 🙂
    LG Silvia

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    • Vielen Dank für das Feedback! Da stimme ich dir absolut zu. Für mich ist einfach seit langer Zeit schon klar, dass ich hier nicht zuhause bin und mich woanders umschauen muss. Da ist es natürlich umso schwieriger jedes Mal aufs Neue hierher zurückzukehren…
      Deine Radreise klingt spannend! Wir haben nächstes Jahr ähnliches vor 😉

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  • Sehr schön geschriebener Bericht aus deiner Sicht vom Reisen und dem zurückkehren in den normalen Arbeitsalltag.
    Das Buch muss ich auch unbedingt kaufen und lesen. Die Passagen, die du da raus genommen hast stimmen leider wirklich so sehr. Ich finde es auch immer traurig, wie im Urlaub alles so offen und freundlich ist und sobald man wieder in Deutschland seinen Arbeitsalltag startet, irgendwie alles anders ist.
    Und hier sind die Menschen viel verschlossener und gar nicht so weltoffen, wie wir es sonst vom Reisen her kennen. Ich verstehe eigentlich gar nicht, wieso das so ist und ich bin auch für viel mehr Offenheit und positives denken und ausstrahlen in der Gesellschaft!
    Vielleicht liegt es hier wirklich an dem sonst immer schlechten Wetter. Denn bei dem schönen Sommer in diesem Jahr, finde ich auch dass die Menschen wieder viel glücklicher und positiver durch die Straßen spazieren.

    Trotzdem fühle ich genau wie ihr gerade absolute Reiselust 🙂

    Also: Sehr schön geschriebener Beitrag und ich werde auf jeden Fall öfter mal vorbei schauen und von dir lesen! 🙂

    Liebe Grüße
    Katha
    https://katha-strophal.de/

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  • Sehr schöner Artikel 🙂 Aktuell kann ich es mir auch nicht vorstellen, mein ganzes Leben auf Reisen zu verbringen. Aber ich möchte auch so viel wie möglich von der Welt sehen und kann mrir vorstellen, für ein paar Jahre weg zu gehen. Allerdings denke ich, dass ich auch irgendwann vielleicht einen Platz finden werde, von dem man nicht mehr weg möchte und dann würde ich dort bleiben. Aber ich wünsche dir alles Gute auf deinen weiteren Reisen und bis dahin noch eine schöne Zeit in Wien. Da möchte ich z.B. auch noch unbedingt hin 😀
    Liebe Grüße
    Pascale

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    • Vielen Dank☺ Ich hoffe auch sehr einen Ort zum Niederlassen zu finden, aber bis ich den gefunden habe möchte ich einfach unterwegs sein und ein Leben nach meinen Vorstellungen führen😉 danke jedenfalls und dir auch viel Erfolg bei deiner Suche nach dem idealen Ort!!

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  • Hey Elisa, ich kann total nachvollziehen, was du meinst. Auch ich finde, der Alltagstrott raubt einem die Kreativität und Freude am Schaffen…allerdings nur, wenn man seinen Spielraum nicht ausnutzt, um dies zu ändern. Hat bei mir lange gebraucht, aber seitdem ich selbständig bin, habe ich ganz neu an Lebensqualität gewonnen. LG Tamara

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    • Da gebe ich dir absolut Recht! Mit Baby ist es zurzeit eben sehr schwierig überhaupt Spielraum zu finden, wobei natürlich die vielen neuen Erfahrungen und das Wissen, die ich seit der Geburt meiner Tochter erlangt habe auch überaus wertvoll sind. Aber ich muss auch hier erst ein Gleichgewicht finden, bei dem ich ebenso meine Zeit für mich habe😉

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    • Vielen Dank😊 Ja das ist bestimmt zum einen von Typ zu Typ unterschiedlich und zum anderen auch einfach Gewohnheitssache😁 vor meiner ersten Weltreise habe ich’s mir auch nicht vorstellen können😉

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  • Toller Blog, toller Artikel! Ich wäre auch fürs Reisen, aber hauptsächlich um tolle Bilder schießen zu können^^ Aber ich frage mich ehrlich immer, wie man das finanziert^^ Naja meine Freundin war ein halbes Jahr auf einem Schiff bei Sea Shepherd und sie hat auch locker überlebt, auch ohne Kohle..ich glaube, es muss eben in einem stecken…in mir scheint es das leider nicht. Aber ist okay, die Menschen sind eben verschieden^^

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    • Die Finanzierung ist ein Lernprozess, allerdings ist es einfacher als die Meisten glauben 😉 Ich wollte demnächst einen Artikel zu dem Thema schreiben weil das natürlich immer wieder vorkommt; kannst dann ja gerne nochmal reinschauen 😉
      Vielen Dank jedenfalls für dein Feedback, das freut mich sehr!

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  • Ich hab gerade glaube ich eine halbe Stunde deinen Blog durchstöbert xD
    Deine Beiträge sind wahnsinnig interessant und du hast einen wunderschönen Schreibstil. Ich habe auch ständig Fernweh, mich zieht es zwar nicht ins Normadenleben, aber ich würde wahnsinnig gerne auswandern. Seit ich das erste mal in Amerika war, kann ich dieses Gefühl einfach nicht mehr vergessen. Fühlt sich wie Heimat an, mehr als hier. Aber mit Freund, Familie und Hund ist auswandern momentan leider keine Option. Ich verstehe dein Fernweh nur allzu gut!

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    • Das freut mich total zu hören, vielen Dank 🙂
      Ja das kann ich total nachempfinden! Wenn man mal so einen Ort gefunden hat lässt dieser einen einfach nicht mehr los. Vielleicht schafft ihr es ja doch noch irgendwann wenn die Bedingungen besser sind. Alles Gute jedenfalls 🙂

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  • Ja, der Trott des Alltags… Diese Textpassage, die du hier eingefügt hast ist wirklich sehr passend. Im Alltag fehlt es oft an Begeisterung und auch an Zeit für die wesentlichen Dinge.
    Wenn du wieder in die weite Welt aufbrichst, wünsche ich dir eine ganz tolle Zeit
    Liebe Grüße Jenny

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